Er stahl mein Mittagessen aus dem Kühlschrank – bis zum Chili-Tag
Ein Kollege klaute ständig Essen aus dem Bürokühlschrank. Also kochte ich einen Topf Chili, der ihm eine Lektion erteilte, die er nie vergisst.
Ich arbeitete in einem mittelgroßen Büro in Leipzig mit einer Gemeinschaftsküche, und seit Monaten verschwand ständig jemandes Mittagessen aus dem Kühlschrank. Dosen mit Namen in wasserfestem Stift, mittags einfach weg, manchmal war nur das Beste herausgelöffelt und der Rest wie ein Beweisstück zurückgelassen. Im Gruppenchat hatten sich alle beschwert, monatelang, ohne dass sich etwas änderte. Jeder verdächtigte einen Kollegen namens Sven, vor allem, weil er in der Teeküche immer ein bisschen zu amüsiert wirkte, wenn das Thema aufkam.
Beweisen konnte das niemand, und die Geschäftsführung wollte wegen ein paar belegter Brote keine Kamera installieren. Also nahm ich die Sache selbst in die Hand.
Ich verbrachte einen Abend damit, einen großen Topf Chili zu kochen, mit Habanero-Chilis, die ich extra dafür bestellt hatte, von der Sorte, bei der einem schon beim Schneiden die Augen tränen. Auf den Deckel schrieb ich in der gleichen freundlichen Handschrift, die alle im Büro benutzten: „Reste – bitte nicht anfassen, danke!“, und stellte den Topf gut sichtbar ins oberste Fach, genau auf Augenhöhe.
Mein eigentliches Mittagessen brachte ich getrennt mit, ganz hinten versteckt, wo niemand suchen würde.
Gegen halb zwölf sah ich von meinem Schreibtisch aus, wie Sven in die Küche ging, ich hatte durch die offene Tür freien Blick. Fünf Minuten später kam er wieder heraus, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Grinsen, das an Selbstzufriedenheit kaum zu überbieten war. Ich beantwortete weiter E-Mails, warf aber alle paar Minuten einen Blick auf die Uhr und fragte mich, wie lange es wohl dauern würde, bis die Mittagspause richtig losging.
Kurz nach zwölf ging es los. Jemand hustete laut in der Teeküche, dann das unverkennbare Geräusch einer Wasserflasche, die in Windeseile leergetrunken wurde. Als ich vorbeischlenderte, um „nach dem Lärm zu schauen“, war Sven rot im Gesicht, die Augen tränten, und er kippte gerade die übrig gebliebene Milch eines Kollegen direkt aus dessen Kühlschrankfach in sich hinein, weil das die nächste Flüssigkeit in Reichweite war.
Unsere Büroleiterin kam genau in dem Moment herein, als Sven zwischen zwei Hustenanfällen herausstieß, er habe gedacht, es sei „wie immer einfach nur Chili“ – das erste Mal, dass man ihn zugeben hörte, regelmäßig fremdes Essen zu essen.
Dieser Satz hing gute fünf Sekunden in der Luft. Alle in der Küche verstanden genau, was er da gerade gestanden hatte. Ein paar Kollegen, die in den letzten Monaten selbst ihr Mittagessen verloren hatten, tauschten an der Kaffeemaschine leise Blicke aus, sobald ihnen klar wurde, was wirklich passiert war.
Er verbrachte den restlichen Tag damit, an seinem Schreibtisch Wasser zu trinken und jeglichem Augenkontakt auszuweichen. Die Diebstähle aus dem Kühlschrank hörten danach vollständig auf, ohne Besprechung, ohne Rundmail.
Ich habe nie jemandem erzählt, dass das Chili von mir war. Musste ich auch nicht. Sven hat sich selbst besser verraten, als ich es je hätte tun können.
Manche Rätsel lösen sich in dem Moment, in dem man aufhört, die Person zu decken, die sie verursacht.
Nächste Geschichte Sie schrie mich wegen ihres Einkaufswagens an, also baute ich eine FestungNamen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.




