Unser Trauredner durfte uns rechtlich gar nicht trauen
Vier Wochen nach der Feier erfuhren wir, dass unsere freie Trauung nie rechtsgültig war. Was danach folgte, war unsere eigentliche Hochzeit.
Wir hatten unseren Freund Felix gebeten, unsere freie Trauung zu leiten, weil er lustig war, ein Online-Zertifikat für fünfzehn Euro hatte und uns beide seit dem Studium kannte – und nichts davon spielte am Ende so eine Rolle wie ein Detail, das wir nie überprüft hatten.
Felix kam eine Stunde zu spät, schweißgebadet, weil sein Navi ihn zur falschen Location auf der anderen Seite der Stadt geschickt hatte, was ärgerlich, aber für sich genommen noch kein Desaster war. Das eigentliche Desaster begann, als die Zeremonie in der Scheune bei Kiel losging.
Er vergaß meinen Namen zweimal, nannte Jonas einmal „Jan“, und wurde mitten im Gelübde so nervös, dass er eine ganze Seite seines ausgedruckten Skripts übersprang – wir tauschten die Ringe, bevor überhaupt ein Gelübde gesprochen war, und mussten peinlich zurückspringen, nachdem meine Mutter in der ersten Reihe „die Gelübde“ so laut geflüstert hatte, dass die zweite Reihe es hörte.
Wir lachten darüber. Die Gäste lachten darüber. Es ergab eine charmante, unperfekte Geschichte, genau die Art, von der Leute aus der Hochzeitsbranche sagen, sie sei ihnen lieber als eine steife, durchgeprobte Zeremonie.
Dann, vier Wochen später, rief ich beim Bürgeramt an, um zu fragen, warum unser Namensänderungsantrag noch nicht bearbeitet worden war – und erfuhr, dass es überhaupt keinen Antrag geben konnte, weil wir nie einen Termin beim Standesamt gebucht hatten. Felix hatte uns versichert, sein Online-Zertifikat decke „das Rechtliche“ ebenfalls ab, ein Detail, das schlicht falsch war und das offenbar niemand von uns vorher recherchiert hatte.
Rechtlich gesehen waren Jonas und ich, soweit es den Staat betraf, überhaupt nicht verheiratet. Wir hatten eine Feier, eine Torte, einen ersten Tanz und zweihundert Zeugen, und nichts davon zählte auf dem Papier.
Felix war zutiefst beschämt. Er hatte diese Zertifizierung nur gemacht, um bei Freunden „schöne Reden halten zu dürfen“, ohne zu ahnen, dass in Deutschland ausschließlich das Standesamt eine Ehe schließen kann – egal, wie herzlich, wie gut vorbereitet oder wie zertifiziert eine freie Trauung ist. Ein sehr verständlicher Irrtum, und trotzdem genau die Art von Detail, von dem ich mir wünschte, jemand hätte es acht Monate früher recherchiert, als wir noch über Tischdeko sprachen.
Wir mussten fünf Wochen nach unserem „Hochzeitstag“ tatsächlich standesamtlich heiraten, in normaler Kleidung, an einem Dienstag in Jonas’ Mittagspause, mit einer Standesbeamtin, die keinerlei Persönlichkeit zeigte und unsere beiden Namen auf Anhieb richtig aussprach.
Es ist, seltsamerweise, inzwischen eine meiner liebsten Erinnerungen. Nur wir zwei und ein zehnminütiger Termin, kein Sitzplan, kein Florist, kein nervöser Felix, der eine Seite überspringt. Jonas scherzte, wir hätten am Ende doch noch unsere „dramafreie Hochzeit“ bekommen, nur fünf Wochen später als geplant und ohne die zweihundert Leute, die die erste schon gefeiert hatten.
Wir haben Felix das Video von der Scheunenzeremonie als Dankeschön geschickt, weil er uns trotz allem eine Geschichte geschenkt hat, die wir für den Rest unseres Lebens erzählen werden, und ehrlich, die Fotos in Anzug und Kleid sind besser als alles, was beim Standesamt entstanden ist. Aber wenn wir künftig jemanden bitten, eine Trauung zu leiten, stellen wir vorher eine sehr direkte Frage: Hast du tatsächlich geprüft, ob du uns rechtlich trauen darfst? Niemand denkt je daran, zu fragen. Wir auch nicht, bis es uns fünf zusätzliche Wochen als eigentlich schon verheiratetes, aber rechtlich noch verlobtes Paar kostete.
Nächste Geschichte Ein Gast machte während unseres ersten Tanzes einen AntragNamen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.




