Skip to content
Rache-Geschichten

Er ertränkte mein Essen in Chiliöl. Er bereute es schnell.

Ein Kollege macht sich beim Betriebs-Buffet über mein Essen lustig – eine harmlose Frage wird zu seiner eigenen Strafe.

Er ertränkte mein Essen in Chiliöl. Er bereute es schnell.

Ich arbeitete im Marketing einer mittelgroßen Versicherung in Freiburg, und jedes Jahr im Dezember gab es bei uns statt einer echten Weihnachtsfeier ein Buffet, zu dem jeder etwas mitbringen musste, weil wir Angestellten anscheinend kein Catering-Budget wert waren. Ich hatte am Abend davor fünfundvierzig Minuten für ein Hühnchen-Reis-Gericht gebraucht, das meine Großmutter mir beigebracht hatte, und ich war stolz darauf.

Torsten aus der Buchhaltung fand es urkomisch, mir eine halbe Flasche seines selbstgemachten Chiliöls aus den schärfsten Chilis, die er finden konnte, über den Teller zu kippen, während ich am Wasserspender mein Glas nachfüllte. Er versuchte es nicht mal zu verstecken – er stand einfach da, lachte mit zwei Kumpels aus der Finanzabteilung und wartete darauf, dass ich einen Bissen nehmen und vor der ganzen Abteilung anfangen würde zu husten.

Ich schaute auf mein ruiniertes Essen, schaute in Torstens grinsendes Gesicht und beschloss, ihm nicht die Reaktion zu geben, die er wollte. Ich lächelte stattdessen. Ich sagte ihm, das sehe eigentlich unglaublich lecker aus, und fragte, ob er das Öl selbst gemacht habe, weil die Farbe so wunderschön sei, fast wie aus dem Malkasten.

Torsten, begeistert davon, dass ich nicht aufgebracht war, legte sofort los mit einer ausführlichen Erklärung seines Herstellungsprozesses – getrocknete Chilis, heißes Öl, achtundvierzig Stunden Ziehzeit. Ich nickte, klang ehrlich interessiert und fragte, ob ich die Flasche mal sehen könnte, das Etikett, irgendwas.

Er reichte sie mir stolz. Ich drehte sie in meinen Händen, als würde ich einen edlen Wein bewundern, und kippte dann „aus Versehen“ noch etwas mehr auf meine eigene Serviette, als ich sie wieder absetzte, sodass ein dünner Film über meine Finger lief. Ich fragte ihn, ganz ernsthaft, ob er denke, die Farbe würde als Lipgloss gut aussehen, und hielt ihm meine glänzenden Finger zum genaueren Hinsehen hin.

Torsten, noch ganz berauscht davon, sein Hobby vorführen zu dürfen, beugte sich vor und rieb mit dem Daumen über meine Fingerspitze, um selbst die Textur zu prüfen, genau so, wie es jemand tun würde, der von seiner eigenen selbstgemachten Sauce begeistert ist. Dann, ohne nachzudenken, so wie Menschen es hundert Mal am Tag folgenlos tun, fasste er sich ans Auge und rieb es.

Der Schrei, den er ausstieß, leerte die Küche im Handumdrehen. Er verbrachte die nächsten fünfzehn Minuten gebeugt über dem Waschbecken, spülte sein Auge mit kaltem Wasser, während seine Finanz-Kumpels nutzlos herumstanden, einer von ihnen googelte auf seinem Handy „Chiliöl im Auge“, statt zu helfen. Sein Auge war für den Rest der Feier rot und tränte. Meiner war der einzige Teller, den für den Rest des Tages niemand mehr anfasste, was ehrlich gesagt ganz gut passte, weil mir der Appetit sowieso schon vergangen war.

Torsten entschuldigte sich zwei Tage später bei mir, sein Auge noch ein bisschen rosa. Ich sagte ihm, alles gut, nichts für ungut, und dass ich hoffe, sein Auge werde bald wieder besser. Ich meinte es sogar größtenteils ernst.

Nächste Geschichte Die Ex meines Bruders wollte ihre Sachen zurück. Wir haben gepackt.

Namen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.