Meine Schwiegermutter ließ unsere Kleinkinder beim Essen „Shots“ trinken
Im Familienurlaub gab meine Schwiegermutter unseren Kleinkindern Saft-Shots, damit sie sich beim Anstoßen dazugehörig fühlten.
Jeden Juli mietet die ganze Familie meines Mannes Kevin dasselbe Ferienhaus an der Müritz für eine Woche, und jedes Jahr versucht seine Mutter Sabine, sich selbst zu übertreffen, was das Sommerprogramm angeht. Dieses Jahr hat sie sich auf eine Art übertroffen, mit der niemand von uns gerechnet hat.
Unsere Kinder, Finn und Mia, waren in diesem Sommer drei und fünf. Alt genug, um bei allem dabei sein zu wollen, was die Erwachsenen machten, jung genug, dass das meiste davon für sie überhaupt nicht geeignet war.
Das Abendessen am dritten Abend war laut, wie immer, wenn zwölf Leute an zwei zusammengeschobenen Tischen sitzen, Weingläser überall, dazu eine Flasche Tequila, die der Schwager mitgebracht hatte. Sabine verschwand mitten im Essen in der Küche und kam mit einem Tablett voller Minifläschchen zurück, aufgereiht wie kleine Partygeschenke.
Sie stellte zwei davon vor Finn und Mia hin, als würde sie Nachtisch servieren.
Ich dachte, es wären Deko, irgendein Spaßgeschenk, bis Sabine der ganzen Tafel verkündete, sie habe die Fläschchen mit Traubensaft gefüllt, damit die Kinder bei dem Trinkspruch, den gleich jemand halten würde, mit den Erwachsenen „Shots“ machen und sich dazugehörig fühlen konnten.
Kevins Bruder lachte tatsächlich, bevor er begriff, was er da vor sich hatte. Ich lachte nicht. Ich sah zu, wie mein dreijähriger Sohn sein winziges Fläschchen hochhob, die Bewegung nachmachte, die er offenbar schon sein ganzes kurzes Leben lang bei Erwachsenen beobachtet hatte, es gegen das seiner Schwester stieß und „Shots!“ rief, vor einem Tisch voller Verwandter, die das größtenteils zum Niederknien fanden.
Ich fand es nicht zum Niederknien. Ich nahm beiden Kindern die Fläschchen weg, bevor die zweite Runde losgehen konnte, ruhig, aber schnell genug, dass Sabine es bemerkte und fragte, was das Problem sei.
Ich sagte ihr, das Problem sei nicht der Saft. Das Problem sei, dass ein Dreijähriger und eine Fünfjährige die Worte, die Geste und das gemeinsame Ritual des Shot-Trinkens lernten, am Esstisch, angefeuert von jedem Erwachsenen im Raum. Kinder in dem Alter verstehen nicht „Das ist eigentlich nur Saft“. Sie verstehen, dass man das macht, wenn alle aufgeregt sind und zusammen trinken, und dass Oma das eine tolle Idee fand.
Sabine sah ehrlich verwirrt aus, dann ein bisschen verletzt, als hätte ich sie wegen etwas viel Schlimmerem beschuldigt, als sie eigentlich getan hatte. Sie sagte, sie würde ihnen niemals echten Alkohol geben, das sei ja klar, und sie habe nur gewollt, dass sie sich wie ein Teil der Feier fühlten, statt außen vor zu sitzen, während die Erwachsenen anstießen.
Kevin stellte sich hinter mich, was ich mehr brauchte, als ich erwartet hatte, denn der halbe Tisch schien bereit, mir zu sagen, ich würde wegen Apfelsaft im Schnapsglas übertreiben.
Wir haben den Urlaub nicht deswegen abgebrochen. Aber wir hatten am nächsten Morgen ein echtes Gespräch mit Sabine, nur wir drei, über den Unterschied zwischen Kinder in eine Feier einzubeziehen und sie Jahre, bevor sie es überhaupt verstehen können, auf eine Gewohnheit einzustimmen. Sie sieht das bis heute nicht ganz genauso wie wir. Sie hat zugesagt, es nicht mehr zu machen, und das ist der Teil, der eigentlich zählt.
Die Minifläschchen verschwanden für den Rest der Woche aus dem Haus. Niemand erwähnte sie noch einmal, aber beim nächsten Trinkspruch sah ich, wie Sabine den Kindern Kinderpunsch in ganz normale Kinderbecher füllte, ohne Zeremonie, ohne Anstoßen, ohne Shots.
Manchmal bedeutet „harmlos“ einfach nur, dass sich niemand genug Gedanken darüber gemacht hat, was da eigentlich gerade gelernt wird.
Nächste Geschichte Das Brautparty-Geschenk, auf dem meine Schwiegermutter bestandNamen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.




