Ein Tornado nahm uns alles. Unsere Katze überlebte trotzdem.
Der Tornado nahm uns über Nacht alles. Am nächsten Morgen fanden wir in den Trümmern etwas, mit dem niemand gerechnet hatte.
Der Tornado kam kurz nach elf Uhr nachts, und wir überstanden ihn in dem Kellerschutzraum, für den mein Mann Dieter jahrelang gekämpft hatte, bis ich ihn endlich bauen ließ. Wir hörten ein Geräusch, das ich bis heute nicht vollständig beschreiben kann, irgendetwas zwischen einem Zug und einem Düsentriebwerk, das nie zu enden schien.
Als wir gegen ein Uhr morgens die Stufen aus dem Schutzraum hochkamen, war unser Haus verschwunden. Nicht beschädigt. Verschwunden, bis auf das Fundament und ein paar Balken, die noch in seltsamen Winkeln standen, alles, was wir besaßen, verteilt über drei benachbarte Felder in der Dunkelheit.
Wir sagten in dieser ersten Nacht nicht viel. Es gab nicht viel zu sagen. Wir standen einfach am Rand dessen, was früher unser Wohnzimmer gewesen war, die Lichtkegel unserer Taschenlampen schnitten durch den sich legenden Staub, und wir warteten auf genug Tageslicht, um wirklich zu sehen, womit wir es zu tun hatten.
Bei Tagesanbruch war das Ausmaß schlimmer, als die Dunkelheit hatte ahnen lassen. Das Fahrrad meines Sohnes, verbogen um einen Baum, der eigentlich beim Nachbarn stand, nicht bei uns. Fotoalben, durchweicht und im Schlamm verstreut. Der Küchentisch, den Dieters Vater uns als Hochzeitsgeschenk gebaut hatte, glatt in zwei Hälften gespalten.
Wir fingen trotzdem an, alles durchzugehen, meist schweigend, denn was hätte man sonst tun sollen. Meine Tochter weinte alle paar Minuten leise in ihren Ärmel und versuchte, es vor ihrem kleinen Bruder zu verbergen, der ständig Fragen stellte, auf die keiner von uns eine gute Antwort hatte.
Da hörten wir es. Ein kleines, vertrautes, empörtes Miau, irgendwo aus der Nähe dessen, was früher unsere Vordertreppe gewesen war.
Unser Kater Keks, ein orangefarbener Tigerkater, der sich bei jedem einzelnen Gewitter seines ganzen Lebens unters Bett verkrochen hatte, saß auf einer gesprungenen Betonplatte, die früher die oberste Stufe unserer Veranda gewesen war, und blickte äußerst missmutig auf den Zustand der Dinge, als wäre er persönlich vom Chaos beleidigt.
Meine Tochter erreichte ihn vor allen anderen, hob ihn so schnell hoch, dass Keks ein regelrechtes Protest-Miau ausstieß, und stand einfach in den Ruinen unseres Hauses und drückte ihn an ihre Brust, schluchzend, auf eine völlig andere Art, als sie es dreißig Sekunden davor getan hatte.
Wir wissen bis heute nicht, wie er überlebt hat, ob er sich in eine Nische im Fundament gepresst hatte oder herausgeschleudert wurde und im Dunkeln allein zurückgefunden hat. Der Tierarzt, der ihn zwei Tage später hauptsächlich pro forma untersuchte, konnte nicht mal einen Kratzer an ihm finden.
Wir verloren in dieser Nacht fast alles. Allein der Papierkrieg mit der Versicherung dauerte fast ein Jahr. Aber es gibt ein Foto von diesem ersten Morgen, meine Tochter, im Schneidersitz auf einem Haufen gesplitterter Bretter, Keks schnurrend an ihrer Schulter, als wäre gar nichts passiert, und es ist das einzige Foto aus dieser ganzen Zeit, das wir alle wirklich ansehen können.
An manchen Morgen braucht man nur eine kleine Sache, die noch genau dort ist, wo sie sein sollte.
Nächste Geschichte Bauarbeiter versteckt jeden Tag einen Dino für kranke KinderNamen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.




