Der jährliche Steak-Krieg, den ich bei meinen Schwiegereltern nicht gewinnen kann
Elf Jahre lang durfte ich mein Steak nie so essen, wie ich wollte. Erst nach einem klaren Satz meiner Frau änderte sich etwas.
Jedes Jahr, das gleiche Weihnachtsessen, das gleiche Esszimmer in Leipzig, und jedes Jahr das gleiche Steak, gegrillt von meinem Schwiegervater Rainer auf einem Grill, den er schon hatte, bevor ich meine Frau Sabine überhaupt kannte, immer exakt gleich zubereitet: grau durch und durch, keine Würze außer einer Prise Salz ganz am Ende, weit jenseits von durchgegart.
Ich mag ein Ribeye medium-rare mit ordentlich Würze, etwas, das ich seit unserer Hochzeit vor elf Jahren jedes einzelne Jahr höflich erwähnt habe. Rainer nickt immer, sagt „klar, klar“, und grillt dann trotzdem jedes Steak auf exakt die gleiche Weise, meins eingeschlossen, weil er in Chargen grillt und sich weigert, mein Stück früher runterzunehmen.
Ein Jahr habe ich mein eigenes Gewürz mitgebracht, ein Glas, das ich direkt neben den Grill gestellt habe, mit einem Zettel dran. Rainer hat es bei allen anderen Steaks benutzt, außer bei meinem, meins sei „schon genug gewürzt“ mit der gleichen Prise Salz, die er bei allen benutzt. Ein anderes Jahr bot ich an, mein eigenes Steak auf einem kleinen tragbaren Grill zu machen, den ich extra dafür mitgebracht hatte. Er hat das als persönliche Beleidigung aufgefasst, hat Sabine erzählt, ich würde denken, sein Kochen sei „nicht gut genug für Gäste“, und hat den restlichen Abend beleidigt geschmollt.
Letztes Jahr habe ich schließlich einfach direkt am Tisch, vor der ganzen Familie, gefragt, ob ich mein eigenes Steak genau so grillen dürfe, wie ich es möchte, und habe es bewusst als meine persönliche Vorliebe formuliert, nicht als Kritik an seinen Kochkünsten. Rainer legte die Gabel hin, sah mich einen langen Moment an, und sagte: „In diesem Haus grillen wir Fleisch richtig, ganz durch, ich serviere niemandem an meinem eigenen Tisch etwas Halbgares“, als wäre medium-rare ein Verstoß gegen die Lebensmittelsicherheit und keine Vorliebe, die die meisten Steakhäuser problemlos bedienen.
Meine Schwiegermutter Renate mischte sich an dieser Stelle auch noch ein, sagte, sie „mache sich Sorgen“ wegen rosa Fleisch und würde es sich „nie verzeihen“, wenn jemand an ihrem Tisch krank würde, und die ganze Sache wurde zu einer Abstimmung über mein Urteilsvermögen als Erwachsener, der seit zwanzig Jahren ohne Zwischenfall medium-rare Steak isst.
Sabine sagte schließlich, nach elf Jahren, in denen sie das jedes einzelne Jahr mit ansehen musste, ihren Eltern, dass ich ein erwachsener Mann sei, der selbst entscheiden könne, wie er sein Essen zubereitet haben möchte, und dass mir das eine Steak nicht zu erlauben keine Gastfreundschaft sei, sondern Kontrolle, die sich als Sorge verkleidet. Rainer murrte, widersprach aber nicht weiter. Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal einen kleinen zweiten Grill, der extra für mein Steak reserviert ist, obwohl Rainer die ganze Zeit daneben steht und „nur nachschaut“, während es brät.
Es ist kein wirklicher Waffenstillstand, eher eine Feuerpause, der keine Seite ganz vertraut, aber es ist das erste Weihnachten seit über einem Jahrzehnt, an dem ich mein Steak tatsächlich so essen darf, wie ich es mag.
Ich hätte nie gedacht, dass der langlebigste Streit meiner Ehe die Gartemperatur von Fleisch sein würde, und doch, elf Jahre später, sind wir genau da.
Nächste Geschichte Mein Schwiegervater ruinierte meine teuerste Zange und nannte mich zimperlichNamen, Orte und Details wurden verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.




